29.05.2016 – Nitrofilmvernichtung = Bücherverbrennung?

Seit der Bekanntgabe der Web-Seite Filmdokumente-retten am 22. Februar dieses Jahres und der englischsprachigen Schwesterseite Save-German-Film-Documents am 13./14. April sind Rückmeldungen und Kommentare nicht nur aus der Fachwelt bei mir eingegangen. Bemerkenswert erscheint mir dabei zunächst, dass einige der engagiertesten Kommentatoren den Filmerbe-Institutionen weitgehend fernstehen, dafür aber zum Beispiel im Bereich Denkmalschutz tätig sind – so etwa Christian Jonathal vom Hochbauamt der Stadt Augsburg, der mir in einer Email schrieb:

„Stellen Sie sich einmal vor: Papyri sind brandgefährlich. Deswegen digitalisiert man sie, um mit ihnen zu arbeiten, aber auch um sie (=ihre Inhalte) bequem lagern zu können. Die Originale würden dann aber vernichtet, da sie ja eine Brandlast bilden könnte (der man aber mit geeigneter Lagerung auch aus dem Wege gehen kann). Bei einem solchen Vergleich wird augenscheinlich, wie frevelhaft die Zerstörung historischen (Bewegt-)Bildmaterials ist.“

Die zweite bemerkenswerte Tatsache ist die, dass mich die emotionaleren und deutlicheren Kommentare zur Filmvernichtung nicht aus der deutschen, sondern aus der internationalen Fachöffentlichkeit erreichten. „German film heritage deserves something better than copy and burn” / „Das deutsche Filmerbe verdient etwas Besseres als kopiert und verbrannt zu werden“, erklärte Paul C. Spehr, ehemals Assistant Chief der Motion Picture, Broadcasting, and Recorded Sound Division der Library of Congress in Washington D.C. auf der Website der Association of Moving Image Archivists (AMIA). Am gleichen Ort betonte Ron Merk von der Metro Theatre Center Foundation seine Auffassung: „To toss nitrate film onto the fire of history is a mistake. I think we’ve seen more than enough of that in Germany in the last century. Just citing history here. I’m not saying this to offend or upset our German colleagues in the archive world, but to remind them that what happened in the past should not be repeated.“ („Es ist ein Fehler, Nitrofilme ins Feuer der Geschichte zu werfen. Ich denke, das wir davon mehr als genug im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts gesehen haben und zitiere hier nur die Geschichte. Ich sage das nicht, um unsere deutschen Kollegen zu verärgern oder zu beleidigen, sondern um sie daran zu erinnern, dass die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen.“)
In einer Email-Korrespondenz mit mir ergänzte Merk, seine Äußerungen klängen ggf. „a bit inflammatory to some Germans“ („einigen Deutschen gegenüber etwas aufrührerisch“). Er unterstrich jedoch, die Filmvernichtung in Deutschland wäre „no less an outrage than the famous Nazi book burnings, although for totally different reasons.” („kein geringerer Skandal als die berühmte Nazi-Bücherverbrennung, wenn auch die Gründe ganz andere sind“)

Empört äußerte sich auch der australische Sammler und Fachpublizist William Gillespie, der mit seinen Veröffentlichungen zum NS-Regisseur Karl Ritter einer breiteren Leserschaft bekannt geworden ist: „The destruction and permanent loss of NS original prints of such historically important films as Die große Liebe or Stukas, is unforgivable. As a researcher and author on NS films and directors, I wonder if the ‘threat’ of spontaneous combustion … is a way for the BA to conveniently put such troublesome Tendenzfilme down the proverbial ‘Memory Hole’ as articulated by George Orwell in his novel, 1984?
(„Unverzeihlich ist die Vernichtung und der endgültige Verlust originaler Kopien solch historisch bedeutender Filme wie Die große Liebe oder Stukas. Als Forscher und Autor zum NS-Film und seinen Regisseuren, frage ich mich, ob die ‚Gefahr‘ der Selbstentzündung … für das Bundesarchiv auch eine Option ist, problematische Tendenzfilme im sprichwörtlichen ‚Gedächtnisloch‘ verschwinden zu lassen, das George Orwell in 1984 beschrieben hat?“)

Ebenso wie der Filmkünstler Bill Morrison (Decasia, USA 2002), erteilten mir auch Paul Spehr, Ron Merk und William Gillespie die Erlaubnis, ihre Kommentare auf meiner Website zu veröffentlichen. Ich habe die ungekürzten Texte in einer eigenen Rubrik unter dem Titel „Kommentare“ eingestellt. Dort finden sich auch Kommentare des Farbfilm- und Fotospezialisten Gert Koshofer, der die Bundesarchiv-Praxis mit „dem Abriss historischer Bauwerke“ vergleicht, und von Filmerbe-in-Gefahr-Initiator Helmut Herbst, der daran erinnert: „Man wird auch nicht die Mona Lisa vernichten, nur weil es gute Kopien davon gibt, sondern man wird immer wieder auf das Original zurückkommen.

Aus der Fachwelt erreichte mich zuletzt noch eine Kritik, nach der meine Darstellung sich einseitig auf das Bundesarchiv konzentriere (hier fiel der Begriff „bad guy“). In Wirklichkeit würden den anderen Institutionen des Kinematheksverbundes (KV) durch das Bundesarchiv Listen der zur Vernichtung vorgesehenen Titel vorgelegt. Die anderen Institutionen (etwa die DEFA-Stiftung oder die Stiftung Deutsche Kinemathek) hätten auf dieser Grundlage ein Einspruchsrecht, von dem sie indes selten Gebrauch machten. – Zwar trifft es zu, dass Institutionen des KV durch das Bundesarchiv Listen von Materialien aus ihrem Rechtebestand erhalten und die Möglichkeit haben, gegen deren geplante Vernichtung zu protestieren. In persönlichen Gesprächen wurde mir aber zum einen zu verstehen gegeben, dass dieser Einspruchsmöglichkeit enge Grenzen gesetzt sind. Zum anderen betrifft diese Regelung nur Filme, deren Rechte nicht durch den Bund wahrgenommen werden. Bei der großen Gruppe dieser Filme existiert kein solches Einspruchsrecht, und es gibt nicht einmal eine begrenzte institutionelle Kontrolle darüber, was vernichtet wird.