14.06.2016 – Stellungnahme von Eva Orbanz

Auf meine Bitte hin ließ mir Eva Orbanz eine Stellungnahme für die Initiative Filmdokumente retten zukommen. Eva Orbanz war langjährige Leiterin des Filmarchivs der Deutschen Kinemathek und zwischen 2003 und 2009 Präsidentin des internationalen Filmarchiv-Zusammenschlusses FIAF. Ihre Ausführungen zum zweifelhaften Zusammenhang von Nitrofilmzersetzung und Explosionsgefährlichkeit sollten auch im Hinblick auf die in Professional Production Nr. 6 / 2016 veröffentlichten Äußerungen des Präsidenten des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, gelesen werden – siehe hier.

 

Stellungnahme von Eva Orbanz für Filmdokumente-retten:

Film has a personality, and that personality is self-destructive.
The job of the archivist is to anticipate what the film may do
– and prevent it.
(Orson Welles)

Film ist Kunst.
Filme sind historische Dokumente.
Filme sind Bestandteil unseres audiovisuellen Erbes.

Kunst muss archiviert werden. Sie muss für Heute und die Zukunft für alle Interessierten verfügbar sein.
Dafür gibt es Archive und Museen. Sie übernehmen die Aufgabe die Materialien zu sichern. Sie übernehmen die Verantwortung für die Erhaltung der Originale und die Verfügbarkeit in der Zukunft.

Originale.
Während es für jeden Archivar selbstverständlich ist, die originalen Dokumente aus allen Zeiten zu archivieren, die originalen Gemälde zu sichern – scheint es möglich zu sein, die Originale der Filme zu vernichten.
Apropo „Sprengstoffgesetz“: Es entspricht nicht den Tatsachen, dass eine „autokatalytische Zersetzung von Cellulosenitratfilmen“ bei einem starken Zerfall zu „einer Selbstentzündung“ führt. Fachleute weltweit werden einer solchen Diagnose widersprechen. Unbestritten: Den Zerfall gibt es – es liegt dann ein Häufchen Staub in der Filmbüchse. – Und: Es ist bekannt, dass die Explosion und der Brand im Nitrofilmlager des Bundesarchivs in Koblenz 1988 durch Einwirkungen von Außen entstanden ist und nicht durch eine „autokatalytische Zersetzung“.

Nationales audiovisuelles Erbe.
Dazu gehören die im Lande produzierten Filme (egal auf welchem Träger).
Dazu gehören entsprechend der „UNESCO Recommendation for the Safeguarding and Preservation of Moving Images”, Belgrad 1980, auch ausländische Filmproduktionen “dubbed or subtitled in the language (…) of the country in which they are publicly distributed, which are regarded as an integral part of the moving image heritage of the country concerned or which are of significant value for the cultural needs of teaching or research (…).”
Diese Filme wurden von der Stiftung Deutsche Kinemathek und dem Staatlichen Filmarchiv der DDR gesammelt – vom Staatlichen Filmarchiv der DDR auch gesichert und dem Bundesarchiv-Filmarchiv übergeben.
Es sollte zum allgemeinen Verständnis gehören, diese Produktionen als audiovisuelles Erbe zu betrachten.

Code of Ethics.
Die FIAF (Fédération internationale des archives du film) – ihr gehören u.a. die Stiftung Deutsche Kinemathek, das Deutsche Filminstitut, das Filmmuseum München und das Bundesarchiv-Filmarchiv als Vollmitglieder an – hat mit Zustimmung seiner Mitglieder einen „Code of Ethics“ verabschiedet. Dieser wurde von jedem Archiv unterzeichnet:
(…) Film archives owe a duty of respect to the original materials in their care for as long as those materials remain viable. (…) Archives will not unnecessarily destroy material even when they have been preserved or protected by copying, (…).

Die Voraussetzungen zur Erfüllung dieser Verpflichtungen sind vorhanden. Es gibt die Lagermöglichkeiten. Es gibt das fachlich ausgebildete Personal. Es gibt bei den Archivaren das Verständnis und den Willen, Filme fachgerecht aufzubewahren, zu sichern, verfügbar zu machen. – Es gibt also noch die Hoffnung auf den Erhalt der Originale des audiovisuellen Erbes.

Eva Orbanz
Berlin, 14. Juni 2016