30.06.2016 – Kritische Nachlese zum Hollmann-Interview

Im Folgenden möchte ich das Anfang des Monats in der Zeitschrift Professional Production abgedruckte Interview mit dem Präsidenten des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, einer kritischen Nachlese würdigen – zumal es inzwischen auch an anderer Stelle kommentiert wurde.

Die Kollegen von Filmerbe-in-Gefahr, Dr. Klaus Kreimeier und Jeanpaul Goergen, haben die Äußerungen Hollmanns zur Archivwürdigkeit von Filmmaterialien zum Anlass genommen, die Maßstäbe und Bewertungskriterien des Bundesarchivs zu hinterfragen: Ihr Kommentar unter der Überschrift „Rettet den medizinischen Lehrfilm der 1920er Jahre – und nicht nur den!“ kann hier nachgelesen werden.
Sie fragen: „Woher nimmt das Bundesarchiv das Recht, die Archivwürdigkeit des deutschen Filmerbes zu definieren und es durch Kassation faktisch zu dezimieren? Schnittreste, die heute nicht identifiziert werden können, sind vielleicht schon morgen zuzuordnen. Auch unidentifizierte Filmreste lassen sich zeitlich und thematisch beschreiben und liefern wertvolle Hinweise für die leider nur sehr fragmentarisch überlieferte Filmgeschichte.“ Sie kritisieren zudem die Kassation von ausländischen und unvollständig überlieferten Materialien und beziehen sich ausdrücklich auf das von Hollmann angeführte Beispiel eines hygienischen Lehrfilms aus den 20er Jahren: „Die Begründung, warum dieser Film nichts zusätzliches Bedeutsames über seine Zeit aussagt, würden wir gerne lesen.
Kreimeier und Goergen „bitten das Bundesarchiv, diese und andere Kassationen mit der Note ‚nicht archivwürdig‘ ausführlich zu begründen und für jedermann einsehbar auf ihrer Website zu veröffentlichen.“ Sie fordern zudem eine Verpflichtung der Filmarchive „analog zur Deutschen Nationalbibliothek“ zur lückenlosen Sammlung und dauerhaften Archivierung des Filmerbes – eine Forderung, der ich mich nur anschließen kann.

Das Beispiel des hygienischen Lehrfilms hat nicht nur bei Filmerbe-in-Gefahr für Irritationen gesorgt. Dr. Sabine Schlegelmilch, akademische Rätin am Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg, schrieb mir hierzu am 13. Juni folgenden Kommentar:

„Kein(e) noch so interessiert(e) Archivar(in) kann die Vielzahl der Fachdiskussionen in den einzelnen Zweigen der Geschichtswissenschaften verfolgen. Es ist folglich Herrn Hollmann und seinen Mitarbeitern nicht anzulasten, daß er bspw. die Forschung der Medizingeschichte zu (hygienischen) Lehrfilmen aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht kennt. Problematisch ist jedoch, daß in Unkenntnis solcher Fragestellungen Filmdokumente vernichtet werden, und dies nach Kriterien, die sich nicht auf eine (stets vorhandene) potentielle historische Relevanz, sondern (höchst subjektive) Ansichten über Filmkunst und -geschichte zu beziehen scheinen.
Gerade in diesen Tagen geht ein mehrjähriges, durch Mittel des European Research Council millionenschwer finanziertes Forschungsprojekt an den Start. Es soll untersuchen, wie sich die Wahrnehmung von Gesundheit und Körper im 20. Jahrhundert durch visuelle Massenmedien und deren Botschaften verändert hat. Um solche und ähnliche gesellschaftsbezogene Fragestellungen zu beantworten, sind Quellen mit Massencharakter ungleich wichtiger als das erratische, schon dem Laien auffällig ‚besondere‘ Einzelprodukt. Wird nun die ohnehin schon nicht mehr vollständige Überlieferung einer zusätzlichen, irreversiblen Selektion unterworfen, kann die historische Forschung anhand der verbleibenden Quellenbestände keine belastbaren Aussagen mehr über Massenphänomene treffen. Sie wird sich stattdessen damit begnügen müssen darzustellen, was einzelne Archivare zu Beginn des 21. Jahrhunderts für historisch relevant hielten.“

Kommen wir zu den Sicherheitsaspekten im Umgang mit Nitrofilm, die Hollmann in seiner Stellungnahme ebenso betont wie die Gefährlichkeit der Nitrozellulose. So verstehe es sich von selbst, dass „der Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs uneingeschränkt Vorrang einzuräumen ist. […] Und ich glaube, niemand kann uns guten Gewissens dafür kritisieren, dass wir die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs an die erste Stelle setzen.
Gegenüber dieser salvatorischen Argumentation muss die Frage erlaubt sein, wie es den Archiven im europäischen Ausland gelingt, die Bewahrung des authentischen Materials und die Sicherheit ihrer Mitarbeiter in Einklang zu bringen. Wenn diese anderen Archive aber tatsächlich leichtsinnig die Gesundheit ihrer Mitarbeiter aufs Spiel setzen, so stellt sich die Frage, warum in den zurückliegenden Jahrzehnten keine Berichte von durch Nitrofilm verursachten Gesundheitsschädigungen dieser Mitarbeiter bekannt geworden sind.
Viel wahrscheinlicher ist daher, dass hier eine Gefahrenfiktion untermauert wird, die sich seit der Brandkatastrophe von Ehrenbreitstein im Bundesarchiv festgesetzt hat (Hollmann selbst spricht von einem „Trauma“). In seinen Ausführungen klingen Darstellungen an, die vom Bundesarchiv und auch durch das BKM verbreitet wurden und die teilweise irritierende Gegensätze zu den Erkenntnissen der internationalen Fachöffentlichkeit enthalten. Auf diese Gegensätze werde ich zu einem späteren Zeitpunkt im Detail eingehen.

Zuletzt wären noch die beschwichtigenden Angaben zu erwähnen, die Hollmann zu den Filmerbe-Verlusten der letzten Jahre macht. Hier drängt sich der Eindruck einer Bagatellisierungs-Strategie geradezu auf: Dass etwa Wochenschauen aus dem Rechtebestand des Bundes ebenso wie Stummfilme „grundsätzlich aufgehoben“ würden, widerspricht nicht nur allen bisherigen Beobachten zur Kassationspraxis, sondern auch den Ausnahmeregelungen in der internen Dienstanweisung 6.4.

In jedem Fall wäre die von Kreimeier und Goergen geforderte Transparenz über zukünftige Kassationsentscheidungen ein begrüßenswerter erster Schritt hin zu einer umfassenden Aufarbeitung der Kassationspraxis, deren verheerende Folgen wir bislang nur quantitativ und aufgrund von Einzelfällen abschätzen können. Erst die systematische Auswertung interner Akten und Datenbankeinträge wird das tatsächliche Ausmaß der Verluste an den Tag bringen.