11.07.2016 – Wolfgang Klaue: Rückblick auf die 2. Nitrate Picture Show

Wolfgang Klaue, langjähriger Leiter des Staatlichen Filmarchivs der DDR, stellte mir den untenstehenden Bericht über die diesjährige Nitrate Picture Show zur Verfügung. Klaue hatte im Rahmen dieser Veranstaltung meinen Call for Support verlesen und vor den verblüfften Zuschauern auf die vom BKM bzw. dem Bundesarchiv verbreitete Behauptung hingewiesen, die Gefahr zur Selbstentzündung von Nitrofilmen bestünde bereits bei 6° Celsius. Diese Auskunft hatte das BKM nämlich am 8. März 2016 der Bundestagsabgeordneten Tabea Rößner (Bündnis 90 / Die Grünen) erteilt:

„Je stärker der Zerfall, desto schneller geht er voran und desto höher wird die Wahrscheinlichkeit einer Selbstentzündung, die schließlich auch bei der vorgesehenen optimalen Kühlung bei einer Temperatur von 6°Celsius abrupt einsetzen und sodann in Sekundenschnelle eine konkrete Gefährdung für angrenzend gelagerte Materialien und das Personal zur Folge haben kann.“ (Siehe hier, S. 1.)

Tatsächlich besteht die Gefahr der Selbstentzündung von Nitrofilmen erst dann, wenn die Filme über einen längeren Zeitraum einer Temperatur von mindestens 39-40° Celsius ausgesetzt sind.

Hier nun der Bericht von Wolfgang Klaue:

Die Gefahren sind beherrschbar

Anfang Mai 2016 fand im George Eastman Museum in Rochester die 2. Nitrate Picture Show, Festival of Film Conservation, statt.
Das muß hierzulande Verwunderung und Erschrecken auslösen: Wissen die denn nicht, daß Nitromaterial höchstgefährlicher Sprengstoff ist und sich zersetzter Nitrofilm – allerdings nur in der BRD – bereits bei plus 6° C selbst entzünden kann? Man kann sicher sein, daß man gerade in Rochester, jahrzehntelang eines der Zentren der Rohfilmproduktion, sehr wohl um die Eigenschaften von Nitrofilm Bescheid weiß. Und man weiß natürlich auch, daß es durch Nitromaterial verursachte Brände, Havarien, Explosionen in Kinos, Kopierwerken, Lagerstätten gegeben hat, verursacht durch technische Defekte und/oder menschliches Versagen. Aber man weiß natürlich auch, daß es in den vergangenen Jahrzehnten in Filmarchiven – mit ganz wenigen Ausnahmen – keinen durch Nitrofilm verursachten Unfall gegeben hat. Die Archive haben gelernt, mit Nitromaterial umzugehen, Gefahren zu beherrschen durch Schaffung optimaler Lagerbedingungen und durch ein streng reglementiertes Regime im Umgang mit Nitrofilmen.
Das George Eastman Museum hatte zwei Oldies der Filmarchiv-Szene eingeladen: David Francis, langjähriger Leiter des National Film Archive in London und der Motion Picture, Broadcasting and Recorded Sound Division der Library of Congress und meine Wenigkeit. Beide berichteten über ihre Archiv-Praxis und den Umgang mit Nitrofilmen, ohne Brände, Explosionen, Selbstentzündungen. Auch ihre Erfahrungen bestätigten: Die von Nitrofilm ausgehenden Gefahren sind beherrschbar.
Die Nitrate Picture Show ging über drei Tage. Aufgeführt wurden neun Spielfilme und neun Kurzfilme, alles Nitrooriginale. Es gab Rahmenveranstaltungen über den Umgang mit Nitromaterial, die Herstellung von Nitrofilm, die Vorführung von Nitrofilmen. Interessenten konnten die Lager für Nitromaterial besichtigen.
Nahezu alle Veranstaltungen im Dryden Theater mit 500 Plätzen waren ausverkauft. Ein sachkundiges Publikum war fasziniert und begeistert und dankte mit großem Applaus den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums für die Filmauswahl und den beiden Gästen für ihre Beiträge.
Die Nitrokopien kamen aus Archiven in den USA, Mexiko, England. Die älteste Kopie stammte aus dem Reichsfilmarchiv im Bestand von Gosfilmofond of Russia, 88 Jahre alt, ein amerikanischer Film mit deutschen Zwischentiteln. Alle Filme waren von exzellenter technischer Qualität. Der Schrumpfungsgrad erlaubte problemlos die Projektion.
Ob es nach 88 Jahren die heutigen digitalen Aufzeichnungen noch gibt? Wer weiß es? Zweifel sind angebracht. Ich habe es immer für die Aufgabe von Archiven gehalten, überlieferungswürdige Originale von Schriftgut, Urkunden, Karten u.a. zu erhalten, auch wenn sie eine erhebliche Brandlast darstellen. Nicht anders sollte mit Nitrofilm verfahren werden. Jahrzehntelange Erfahrungen haben bewiesen, daß damit verbundene Risiken und Gefahren beherrschbar sind.
Dank an Paolo Cherchi Usai und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren Mut, ihr Fachwissen, ihre Sorgfalt bei der Vorbereitung und Durchführung der 2. Nitrate Picture Show.