20.11.2016 – Auf Wunsch der Stadtverwaltung: Röntgen-Museum Remscheid vernichtet 200 Nitrofilm-Unikate

Der Fachverband Medizingeschichte e.V. hat auf seiner Website eine Stellungnahme zur Erhaltung von medizinhistorisch relevanten Filmbeständen veröffentlicht und darin die Kassationspraxis des Bundesarchivs beklagt – insbesondere dahingehend, „dass die Einschätzung des Sicherheitsrisikos durch das Bundesarchiv inzwischen Vorbildcharakter für andere Institutionen zu haben scheint.“
Beispielhaft berichtet der Fachverband von der Vernichtung von 200 Röntgenfilmen auf Nitrozellulose, die sich im Bestand des Deutschen Röntgen-Museums in Remscheid befanden. Dem Museum war „eine nur wenige Monate dauernde Frist“ gesetzt worden, sich der feuergefährlichen Filme zu entledigen. Das Bundesarchiv-Filmarchiv habe die Anfrage „eine(r) temporäre(n) Zwischenlagerung […] ablehnen müssen“; die 200 Nitrofilmrollen „auf Wunsch des Verwaltungsvorstandes der Stadt Remscheid durch die Firma EST Energetics vernichtet worden“. Bei den vernichteten Filmen handelte es sich um bislang unerschlossene Röntgenfilme von Prof. Dr. Robert Janker, der sich 1930 in Bonn mit Studien über röntgenkinematographischen Untersuchungen habilitierte (siehe auch „Die Röntgenkinematographie“, Band 15 von Schriftenreihe der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm, Stuttgart / Berlin: Kohlhammer 1938).
Um die Bedeutung Jankers zu verdeutlichen, seien an dieser Stelle die Worte zitiert, mit denen ihn Franz Grosse-Brockhoff nach seinem Tod im Jahr 1964 würdigte: „Robert Janker hat der Kardiologie durch seine Pionierleistungen auf dem Gebiet der Röntgenkinematographie unschätzbare Dienste erwiesen. Ihm verdanken wir, dass es 1949 möglich wurde, die Röntgenkinematographie zur Angiokardiographie einzusetzen und damit der kardiologischen Diagnostik sowie der Kardiochirurgie auch bei uns in Deutschland die freie Fahrt in dieses Neuland der Medizin zu gestatten. Nur selten dürften genialischer Einfallsreicht, Gestaltungskraft und kompromisslose, bis zur Selbstaufgabe gehende Einsatzbereitschaft für die Idee eine solche Durchschlagskraft erzielen, wie es bei Janker der Fall war. […] Das Werk Robert Jankers ist bereits in die Geschichte der Medizin eingegangen.“ (Thauer, Rudolf / Albers, Claus: Herzklappeninsuffizienz. Bad Nauheim 1965, S. XXXVIII-XXXIX.)
Durch den „Wunsch des Verwaltungsrates der Stadt Remscheid“ ist dieses Kapitel der Geschichte der Medizin jetzt um das entscheidende Anschauungsmaterial erleichtert worden.

Das hier geschilderte Vorgehen ist eine Schande und ein Armutszeugnis für die „Röntgenstadt“ Remscheid und verdient die breite Aufmerksamkeit der Medien und der Fachöffentlichkeit.

Die Stellungnahme des Fachverbandes Medizingeschichte ist hier abrufbar. Die durch den Fachverband geäußerte Bitte an das Bundesarchiv, „die Kassation der aus Sicht des Archivs nicht ‚bedeutsamen‘ Filme umgehend einzustellen“, unterstütze ich auf das energischste.