24.12.2016 – Dr. Michael Hollmann erklärt die systematische Nitrofilmvernichtung für beendet

Seit einem halben Jahr war aus dem Bundesarchiv zu hören, die systematische Nitrofilmvernichtung sei einstweilen gestoppt; die Aussicht auf die endgültige Abkehr von dieser Praxis stand im Raum. Der Präsident des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, schuf nun Klarheit in einem Interview, das er mir gewährte und das in gekürzter Form in der Wochenzeitung „Der Freitag“ abgedruckt wurde – siehe hier. Die vollständige Fassung des Gesprächs kann hier nachgelesen werden.
Nunmehr steht fest, dass die bisherige Praxis zugunsten einer Reform aufgegeben wurde, die das Bundesarchiv endlich international anschlussfähig macht. Der Anlass, den Hollmann für die Neubewertung der Nitrofilmbestände nannte, ist indes ein trauriger: So sei die von Genehmigungsbehörden festgesetzte Obergrenze von maximal 80.000 Filmrollen (als Folge der Kassationen) unterschritten worden, was es nun erlaube, den Kassationsautomatismus außer Kraft zu setzen.
Wie bereits gegenüber Sonja Schultz / Professional Production im Sommer dieses Jahres betonte Hollmann auch dieses Mal das Primat des Arbeitsschutzes und versicherte, „dass im Bundesarchiv zu keiner Zeit leichtfertig mit der Frage nach dem Umgang mit Filmen auf Nitrozelluloseträgern umgegangen wurde.“

Michael Hollmann:Selbstverständlich tat und tut jeder Film weh, der unter den gegebenen Bedingungen vernichtet wurde, obwohl das Material noch keine Hinweise auf Zersetzung und damit auf eine erhöhte Entzündungsgefahr aufwies. Schließlich – ich möchte das noch einmal betonen – geht es den Gedächtnisinstitutionen um den Erhalt möglichst der Originale. Man darf aber nicht aus dem Blick verlieren, dass es über viele Jahrzehnte hinweg auch international communis opinio war, Nitrofilme nach der Sicherung der Bildinhalte zu entsorgen. Es hat einige Jahrzehnte gedauert, bis ein differenzierter Umgang mit Nitro sich allgemein durchsetzen konnte. Und im Bundesarchiv hat das wegen des Unfalls von 1988 und der darauf rekurrierenden Bauplanungen noch etwas länger gedauert als bei vergleichbaren Institutionen im Ausland. Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang war, dass die Nitrofilme sich als erheblich haltbarer erwiesen haben, als lange allgemein angenommen wurde. Die Neubewertung des Gefahrenpotenzials und die unerwartete Stabilität der Nitrofilme erlauben es, im archivischen Kontext auch den Eigenwert des Materials mit seiner ihm zugehörigen Aura anders zu gewichten – schließlich handelt es sich um einen besonders wertvollen Teil des deutschen und internationalen Filmerbes.“
(Hervorhebungen D.A.)

Filme, die sich in Zersetzung befänden, würden allerdings auch in Zukunft kassiert werden – Hollmann: „Da lassen die gesetzlichen Regelungen dann tatsächlich keinerlei Spielraum mehr.“ Die technischen Spezifikationen, welcher Materialzustand fortan den Anlass zur Kassation geben wird, befänden sich zurzeit in der Ausarbeitung.
Trotz der hiermit verbundenen Unsicherheiten bestätigen die Aussagen Hollmanns die lange gehegte Hoffnung, dass ein Irrweg deutscher Archivierungspraxis nun endgültig verlassen wird.