31.12.2016 – Wendejahr 2016: ein Rückblick

Mit dem Richtungswechsel des Bundesarchivs in der Nitrofilmfrage verzeichnet das Jahr 2016 eine Zäsur in der Geschichte der Filmarchivierung der Bundesrepublik. Auf Anfrage teilte mir Dr. Tobias Herrmann, Leiter des Referats GW 1 (Strategische Planung, Leitungsunterstützung, Öffentlichkeitsarbeit, Internationale Beziehungen), untenstehende Details über die internen Entscheidungsprozesse mit, die zu diesem Schritt geführt haben:

„Seit dem März 2016 hat sich das Bundesarchiv wie auch das für die Fachaufsicht zuständige Referat bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) intensiv mit der Frage des Umgangs mit Nitrofilmen nach ihrer Umkopierung auseinandergesetzt. Die Prüfung stand im Kontext der zunehmenden öffentlichen Diskussion nicht nur um die Lagerung von Nitromaterialien, sondern um zeitgemäße Strategien zur Sicherung von Filmen insgesamt und um die Frage nach dem ‚nationalen Filmerbe‘. In diesen Kontext fielen unter anderem auch Anfragen der Bundestagsabgeordneten Carsten Müller und Tabea Rößner. Beim Bundesarchiv wurden auch unabhängig davon im Verlauf des Jahres 2016 Fragen rund um die ‚Filmarchivierung im digitalen Zeitalter‘ auf den Prüfstand gestellt […].
Nach vorausgegangener Prüfung der gesetzlichen Grundlagen, an denen bis hin zur Leiterin der Abteilung Z (Zentrale Verwaltungsangelegenheiten) und zur Vizepräsidentin mehrere Personen im Bundesarchiv beteiligt waren, hat der Präsident im April 2016 intern die künftige Richtung des Umgangs mit umkopierten Nitrofilmen formuliert: Sie sollten grundsätzlich aufbewahrt werden, solange sie sich nicht im Zustand der Zersetzung befinden. Diese Position wurde fortan auch im Dialog mit der Fachaufsicht bei der BKM vertreten, von wo dem Bundesarchiv mit Erlass vom 14. Juli 2016 unter anderem mitgeteilt wurde: ‚Unter der Voraussetzung, dass das Bundesarchiv die regelmäßige Gesamtkontrolle des in Rede stehenden Filmbestands sicherstellen kann, ist […] ein Verzicht auf die präventive Kassation von Nitrofilmen nach ihrer Umkopierung jedenfalls solange vertretbar, wie die Filme noch keinerlei Zersetzungserscheinungen zeigen.‘“

Zumindest im Bundesarchiv ist die Epoche der präventiven Vernichtung von Nitrofilmdokumenten somit offiziell abgeschlossen. Stellvertretend für viele andere, die auf dieses Ziel hingearbeitet bzw. diese Arbeit unterstützt haben, sei an dieser Stelle den MdB. Carsten Müller (CDU) und Tabea Rößner (GRÜNE) für ihr Engagement gedankt.
Es ist dies die beste Nachricht für das Filmerbe seit langen. Daher verwundert die äußerst zögerliche Öffentlichkeitsarbeit der beteiligten Institutionen einschließlich des Kinematheksverbundes – obwohl die Würfel bereits Mitte des Jahres gefallen sind. Müsste diese Nachricht nicht auch dem BKM mindestens eine Pressemitteilung wert sein, nachdem Staatsministerin Monika Grütters so häufig betont hat, wie sehr ihr am Erhalt des Filmerbes gelegen ist?