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30.06.2016 – Kritische Nachlese zum Hollmann-Interview

Im Folgenden möchte ich das Anfang des Monats in der Zeitschrift Professional Production abgedruckte Interview mit dem Präsidenten des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, einer kritischen Nachlese würdigen – zumal es inzwischen auch an anderer Stelle kommentiert wurde.

Die Kollegen von Filmerbe-in-Gefahr, Dr. Klaus Kreimeier und Jeanpaul Goergen, haben die Äußerungen Hollmanns zur Archivwürdigkeit von Filmmaterialien zum Anlass genommen, die Maßstäbe und Bewertungskriterien des Bundesarchivs zu hinterfragen: Ihr Kommentar unter der Überschrift „Rettet den medizinischen Lehrfilm der 1920er Jahre – und nicht nur den!“ kann hier nachgelesen werden.
Sie fragen: „Woher nimmt das Bundesarchiv das Recht, die Archivwürdigkeit des deutschen Filmerbes zu definieren und es durch Kassation faktisch zu dezimieren? Schnittreste, die heute nicht identifiziert werden können, sind vielleicht schon morgen zuzuordnen. Auch unidentifizierte Filmreste lassen sich zeitlich und thematisch beschreiben und liefern wertvolle Hinweise für die leider nur sehr fragmentarisch überlieferte Filmgeschichte.“ Sie kritisieren zudem die Kassation von ausländischen und unvollständig überlieferten Materialien und beziehen sich ausdrücklich auf das von Hollmann angeführte Beispiel eines hygienischen Lehrfilms aus den 20er Jahren: „Die Begründung, warum dieser Film nichts zusätzliches Bedeutsames über seine Zeit aussagt, würden wir gerne lesen.
Kreimeier und Goergen „bitten das Bundesarchiv, diese und andere Kassationen mit der Note ‚nicht archivwürdig‘ ausführlich zu begründen und für jedermann einsehbar auf ihrer Website zu veröffentlichen.“ Sie fordern zudem eine Verpflichtung der Filmarchive „analog zur Deutschen Nationalbibliothek“ zur lückenlosen Sammlung und dauerhaften Archivierung des Filmerbes – eine Forderung, der ich mich nur anschließen kann.

Das Beispiel des hygienischen Lehrfilms hat nicht nur bei Filmerbe-in-Gefahr für Irritationen gesorgt. Dr. Sabine Schlegelmilch, akademische Rätin am Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg, schrieb mir hierzu am 13. Juni folgenden Kommentar:

„Kein(e) noch so interessiert(e) Archivar(in) kann die Vielzahl der Fachdiskussionen in den einzelnen Zweigen der Geschichtswissenschaften verfolgen. Es ist folglich Herrn Hollmann und seinen Mitarbeitern nicht anzulasten, daß er bspw. die Forschung der Medizingeschichte zu (hygienischen) Lehrfilmen aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht kennt. Problematisch ist jedoch, daß in Unkenntnis solcher Fragestellungen Filmdokumente vernichtet werden, und dies nach Kriterien, die sich nicht auf eine (stets vorhandene) potentielle historische Relevanz, sondern (höchst subjektive) Ansichten über Filmkunst und -geschichte zu beziehen scheinen.
Gerade in diesen Tagen geht ein mehrjähriges, durch Mittel des European Research Council millionenschwer finanziertes Forschungsprojekt an den Start. Es soll untersuchen, wie sich die Wahrnehmung von Gesundheit und Körper im 20. Jahrhundert durch visuelle Massenmedien und deren Botschaften verändert hat. Um solche und ähnliche gesellschaftsbezogene Fragestellungen zu beantworten, sind Quellen mit Massencharakter ungleich wichtiger als das erratische, schon dem Laien auffällig ‚besondere‘ Einzelprodukt. Wird nun die ohnehin schon nicht mehr vollständige Überlieferung einer zusätzlichen, irreversiblen Selektion unterworfen, kann die historische Forschung anhand der verbleibenden Quellenbestände keine belastbaren Aussagen mehr über Massenphänomene treffen. Sie wird sich stattdessen damit begnügen müssen darzustellen, was einzelne Archivare zu Beginn des 21. Jahrhunderts für historisch relevant hielten.“

Kommen wir zu den Sicherheitsaspekten im Umgang mit Nitrofilm, die Hollmann in seiner Stellungnahme ebenso betont wie die Gefährlichkeit der Nitrozellulose. So verstehe es sich von selbst, dass „der Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs uneingeschränkt Vorrang einzuräumen ist. […] Und ich glaube, niemand kann uns guten Gewissens dafür kritisieren, dass wir die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs an die erste Stelle setzen.
Gegenüber dieser salvatorischen Argumentation muss die Frage erlaubt sein, wie es den Archiven im europäischen Ausland gelingt, die Bewahrung des authentischen Materials und die Sicherheit ihrer Mitarbeiter in Einklang zu bringen. Wenn diese anderen Archive aber tatsächlich leichtsinnig die Gesundheit ihrer Mitarbeiter aufs Spiel setzen, so stellt sich die Frage, warum in den zurückliegenden Jahrzehnten keine Berichte von durch Nitrofilm verursachten Gesundheitsschädigungen dieser Mitarbeiter bekannt geworden sind.
Viel wahrscheinlicher ist daher, dass hier eine Gefahrenfiktion untermauert wird, die sich seit der Brandkatastrophe von Ehrenbreitstein im Bundesarchiv festgesetzt hat (Hollmann selbst spricht von einem „Trauma“). In seinen Ausführungen klingen Darstellungen an, die vom Bundesarchiv und auch durch das BKM verbreitet wurden und die teilweise irritierende Gegensätze zu den Erkenntnissen der internationalen Fachöffentlichkeit enthalten. Auf diese Gegensätze werde ich zu einem späteren Zeitpunkt im Detail eingehen.

Zuletzt wären noch die beschwichtigenden Angaben zu erwähnen, die Hollmann zu den Filmerbe-Verlusten der letzten Jahre macht. Hier drängt sich der Eindruck einer Bagatellisierungs-Strategie geradezu auf: Dass etwa Wochenschauen aus dem Rechtebestand des Bundes ebenso wie Stummfilme „grundsätzlich aufgehoben“ würden, widerspricht nicht nur allen bisherigen Beobachten zur Kassationspraxis, sondern auch den Ausnahmeregelungen in der internen Dienstanweisung 6.4.

In jedem Fall wäre die von Kreimeier und Goergen geforderte Transparenz über zukünftige Kassationsentscheidungen ein begrüßenswerter erster Schritt hin zu einer umfassenden Aufarbeitung der Kassationspraxis, deren verheerende Folgen wir bislang nur quantitativ und aufgrund von Einzelfällen abschätzen können. Erst die systematische Auswertung interner Akten und Datenbankeinträge wird das tatsächliche Ausmaß der Verluste an den Tag bringen.

26.06.2016 – Nitrofilm-Papier des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags

Seit kurzem ist eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes (WD) des Deutschen Bundestags mit dem Titel „Der Umgang mit Filmen auf Nitrozellulosebasis im internationalen Vergleich“ online abrufbar – siehe hier. Diese Untersuchung kam auf Initiative des Braunschweiger CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Müller zustande.

Sie behandelt zum einen die rechtlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen der Nitrofilmvernichtung, fragt zum anderen nach dem Bestehen einer Kassationspflicht in Deutschland und wirft zuletzt einen Blick auf den Umgang mit Nitrofilmen im europäischen Ausland sowie in den USA und Australien. Von diesem letztgenannten Teil abgesehen, spielt sich die Auseinandersetzung der Verfasser mit dem Untersuchungsgegenstand – unter Ausblendung kultureller, (geschichts-)politischer und filmkundlicher Gesichtspunkte – auf einer rein juristischen Ebene ab und zielt auf die Beantwortung der Frage, inwieweit die Filmvernichtung rechtskonform ist. Die Einschätzung, zu der der WD kommt: Ja, die Praxis sei rechtskonform – allerdings nur unter Annahme eines besonderen Gefahrenpotentials der Nitrozellulose, das „den sukzessiven Abbau des Nitrofilmbestandes zum Schutz des Lebens, der Gesundheit und Sachgütern Beschäftigter oder Dritter“ erforderlich macht (S. 11).

Hauptbezugspunkt der Argumentation ist der bekannte Aufsatz von Winfried Bullinger: Sprengstoff im Bundesarchiv – Rechtliches zum Umgang mit Nitro-Filmen. (In: Bewegte Bilder – starres Recht? Das Filmerbe und seine rechtlichen Rahmenbedingungen. Hrsg. v. Paul Klimpel. Berlin: Berlin Academic 2011, S. 53-61)
Wie schon Bullinger kommt auch der WD zu dem Schluss, dass kein gesetzlicher Vernichtungszwang gegeben ist. Allerdings entfalten die „spezifischen Nebenbestimmungen des ehemaligen Amts für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik Eberswalde“ (S. 4) zur Genehmigung der Nitrofilmlagerung in Berlin-Hoppegarten eine Bindungswirkung selbst dann, „wenn sich die behördliche Anordnung gegenüber dem Bundesarchiv […] als rechtswidrig herausstellen sollte“ (S. 9): Das bedeutet, dass das Bundesarchiv auch nach Feststellung der Rechtswidrigkeit dieser Auflagen zur Reduzierung seiner Nitrofilmbestände gezwungen wäre.
Zur Rechtmäßigkeit dieser dem Bundesarchiv behördlich aufoktroyierten Bestandsreduzierung äußern sich die Verfasser nur vorsichtig. Sie machen ihre Einschätzung davon abhängig, ob die Filmlagerung tatsächlich eine konkrete Gefährdung des Personals bedeutet. Ist dies der Fall, so erscheinen ihnen die behördlichen Auflagen rechtmäßig. Die rechtliche Bindung der Auflage bleibe jedoch auch im gegenteiligen Fall bestehen. (S. 11)
Bullingers Auffassung, dass die Kassationspraxis im Widerspruch zum Erhaltungsgrundsatz im Bundesarchivgesetz stünde, wird ausdrücklich widersprochen. Die verfassungsrechtlichen Bedenken Bullingers werden lediglich zitiert, aber nicht der inhaltlichen Auseinandersetzung gewürdigt: „Dem lassen sich sicher durchschlagende Argumente entgegenhalten.“ (S. 15) – Worin diese aber bestehen, bleibt der Phantasie der Leser überlassen.
Erfreulich fällt demgegenüber der dritte und abschließende Teil der Untersuchung aus, in der die Verfasser zu dem Schluss kommen, dass weder in Frankreich, Großbritannien, Österreich, Dänemark, Polen noch in den USA und Australien eine behördlich oder gesetzlich verordnete Nitrofilmvernichtung betrieben wird. Diese Feststellung wird den Lesern der Ausarbeitung hoffentlich zu denken geben.

Insgesamt macht die Ausarbeitung des WD deutlich, dass der abschließenden Bewertung der Kassationspraxis eine Klärung verschiedener, bis auf weiteres offener Fragen vorausgehen muss – so die fragliche Rechtmäßigkeit des dem Bundesarchiv auferlegten Zwangs der Bestandsreduzierung, die dem WD nur dann gegeben erscheint, wenn tatsächlich eine konkrete Gefährdung des Personals vorliegt. Fragwürdig erscheint die Untersuchung überall dort, wo sie archivfachliche Unkenntnis offenbart, etwa in der Annahme, dass sämtliche Informationen eines Filmoriginals (auch dessen Nutzungsspuren u.ä.) im Digitalisat erhalten bleiben (S. 13). Dies entspricht keinesfalls der Praxis und wird von ausgewiesenen Fachleuten bestritten. Ein Blick in die Quellen bestätigt den Eindruck, dass der WD in diesem wesentlichen Punkt die Einholung von Expertenmeinungen versäumt hat.

14.06.2016 – Stellungnahme von Eva Orbanz

Auf meine Bitte hin ließ mir Eva Orbanz eine Stellungnahme für die Initiative Filmdokumente retten zukommen. Eva Orbanz war langjährige Leiterin des Filmarchivs der Deutschen Kinemathek und zwischen 2003 und 2009 Präsidentin des internationalen Filmarchiv-Zusammenschlusses FIAF. Ihre Ausführungen zum zweifelhaften Zusammenhang von Nitrofilmzersetzung und Explosionsgefährlichkeit sollten auch im Hinblick auf die in Professional Production Nr. 6 / 2016 veröffentlichten Äußerungen des Präsidenten des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, gelesen werden – siehe hier.

 

Stellungnahme von Eva Orbanz für Filmdokumente-retten:

Film has a personality, and that personality is self-destructive.
The job of the archivist is to anticipate what the film may do
– and prevent it.
(Orson Welles)

Film ist Kunst.
Filme sind historische Dokumente.
Filme sind Bestandteil unseres audiovisuellen Erbes.

Kunst muss archiviert werden. Sie muss für Heute und die Zukunft für alle Interessierten verfügbar sein.
Dafür gibt es Archive und Museen. Sie übernehmen die Aufgabe die Materialien zu sichern. Sie übernehmen die Verantwortung für die Erhaltung der Originale und die Verfügbarkeit in der Zukunft.

Originale.
Während es für jeden Archivar selbstverständlich ist, die originalen Dokumente aus allen Zeiten zu archivieren, die originalen Gemälde zu sichern – scheint es möglich zu sein, die Originale der Filme zu vernichten.
Apropo „Sprengstoffgesetz“: Es entspricht nicht den Tatsachen, dass eine „autokatalytische Zersetzung von Cellulosenitratfilmen“ bei einem starken Zerfall zu „einer Selbstentzündung“ führt. Fachleute weltweit werden einer solchen Diagnose widersprechen. Unbestritten: Den Zerfall gibt es – es liegt dann ein Häufchen Staub in der Filmbüchse. – Und: Es ist bekannt, dass die Explosion und der Brand im Nitrofilmlager des Bundesarchivs in Koblenz 1988 durch Einwirkungen von Außen entstanden ist und nicht durch eine „autokatalytische Zersetzung“.

Nationales audiovisuelles Erbe.
Dazu gehören die im Lande produzierten Filme (egal auf welchem Träger).
Dazu gehören entsprechend der „UNESCO Recommendation for the Safeguarding and Preservation of Moving Images”, Belgrad 1980, auch ausländische Filmproduktionen “dubbed or subtitled in the language (…) of the country in which they are publicly distributed, which are regarded as an integral part of the moving image heritage of the country concerned or which are of significant value for the cultural needs of teaching or research (…).”
Diese Filme wurden von der Stiftung Deutsche Kinemathek und dem Staatlichen Filmarchiv der DDR gesammelt – vom Staatlichen Filmarchiv der DDR auch gesichert und dem Bundesarchiv-Filmarchiv übergeben.
Es sollte zum allgemeinen Verständnis gehören, diese Produktionen als audiovisuelles Erbe zu betrachten.

Code of Ethics.
Die FIAF (Fédération internationale des archives du film) – ihr gehören u.a. die Stiftung Deutsche Kinemathek, das Deutsche Filminstitut, das Filmmuseum München und das Bundesarchiv-Filmarchiv als Vollmitglieder an – hat mit Zustimmung seiner Mitglieder einen „Code of Ethics“ verabschiedet. Dieser wurde von jedem Archiv unterzeichnet:
(…) Film archives owe a duty of respect to the original materials in their care for as long as those materials remain viable. (…) Archives will not unnecessarily destroy material even when they have been preserved or protected by copying, (…).

Die Voraussetzungen zur Erfüllung dieser Verpflichtungen sind vorhanden. Es gibt die Lagermöglichkeiten. Es gibt das fachlich ausgebildete Personal. Es gibt bei den Archivaren das Verständnis und den Willen, Filme fachgerecht aufzubewahren, zu sichern, verfügbar zu machen. – Es gibt also noch die Hoffnung auf den Erhalt der Originale des audiovisuellen Erbes.

Eva Orbanz
Berlin, 14. Juni 2016

08.06.2016 – Hoffnungszeichen: Dr. Michael Hollmann in „Professional Production“

Professional Production 06 2016Für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Professional Production“  hat Sonja Schultz Interviews sowohl mit dem Präsidenten des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, als auch mit mir geführt. Eine Vorschau auf ihren Artikel ist hier zu finden.
In deutlichem Gegensatz zu seiner bisherigen Position kündigte Dr. Hollmann Sonja Schultz einen Richtungswechsel des Bundesarchivs im Umgang mit Nitrofilm an. Es finde zurzeit eine rechtliche Prüfung statt, „an der auch das BKM als Dienst- und Fachaufsicht des Bundesarchivs beteiligt ist.“ Das endgültige Ergebnis stünde zwar noch aus; er äußerte sich jedoch zuversichtlich, „dass die in Kürze zu erwartende juristische Bewertung der einschlägigen Normen und Vorschriften dem Bundesarchiv einen größeren Ermessensspielraum eröffnen wird.
Auf die Frage „Sie sind also nicht gezwungen, Nitromaterial zu vernichten?“ antwortete Dr. Hollmann: „Wahrscheinlich nicht in der absoluten Weise, in der wir die Vorschriften bislang ausgelegt haben. […] In jedem Fall aber sind Nitrofilme […] umgehend zu vernichten, wenn das Material sich in Zersetzung befindet. Es geht also um eine Risikoabschätzung hinsichtlich des von den Nitrofilmen ausgehenden Gefährdungspotenzials. Es versteht sich von selbst, dass dabei der Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs uneingeschränkt Vorrang einzuräumen ist. Und daher ist die Menge des explosiven Materials nach Möglichkeit zu reduzieren. Wir werden jedoch künftig vor einer Kassationsentscheidung den konkreten Erhaltungszustand eines Filmes stärker in unsere Entscheidungsfindung einbeziehen.
Den Vorwurf, das Bundesarchiv behandele das Filmerbe als „Sondermüll“, wies Dr. Hollmann bei dieser Gelegenheit unter Hervorhebung des Primats der Arbeitssicherheit zurück: „niemand kann uns guten Gewissens dafür kritisieren, dass wir die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs an die erste Stelle setzen.“
In den letzten fünf Jahren wäre „fast ausschließlich Film kassiert“ worden, „der verschimmelt oder in Zersetzung befindlich war. Oder bei dem es sich um unvollständige Filme und Dubletten gehandelt hat.“ Für die Zeit vor 1945 ginge die Kassation „eher in den Promill- oder Zehnpromillbereich. Stummfilme werden grundsätzlich aufgehoben und auch Wochenschauen, die zu unserem Rechtebestand gehören.
Zuletzt betonte Dr. Hollmann noch einmal: „Wir werden […] wahrscheinlich unseren bisherigen Standpunkt insoweit relativieren, dass wir archivwürdige Nitrofilme nach der Umkopierung nicht mehr sofort kassieren, sondern solange im Original aufbewahren werden, wie dies nach den Vorschriften des Sprengstoffrechts vertretbar ist.“

Die Äußerungen des Präsidenten des Bundesarchivs werfen eine Reihe von Fragen auf – vor allem die nach der tatsächlichen Gefährlichkeit der Nitrozellulose für Leib und Leben der Mitarbeiter des Bundesarchivs, aber auch die, inwieweit sich die Bagatellisierung der Kassationsentscheidungen der letzten fünf Jahre mit den Tatsachen deckt.
Zum jetzigen Zeitpunkt entscheidend ist jedoch das Hoffnungszeichen einer lange überfälligen Kehrtwende, mit der das Bundesarchiv den verspäteten Anschluss an die wichtigen internationalen Filmarchive vollziehen könnte. Es bleibt zu hoffen, dass in den Ankündigungen des Präsidenten der erste Schritt zu der von mir und vielen Kollegen gewünschten Zeitenwende in der Nitrofilm-Frage zu sehen ist.

Die Berichte, die mich hierüber bereits aus der Abteilung Filmarchiv erreichten, lassen dabei den Schluss zu, dass die zum Zeitpunkt des Interviews durchgeführte juristische Prüfung inzwischen zu einem günstigen Ergebnis gekommen ist. Nun steht zu wünschen, dass zeitnah eine offizielle Verlautbarung von Seiten des Bundesarchivs erfolgt, die Klarheit über den zukünftigen Umgang mit den Nitrofilmbeständen schafft.

Die untenstehenden Scans geben das Interview von Sonja Schultz mit Dr. Michael Hollmann wieder. Ihr und der Redaktion von „Professional Production“ danke ich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung. Die oben zitierten Textpassagen sind untenstehend rot markiert.

29.05.2016 – Nitrofilmvernichtung = Bücherverbrennung?

Seit der Bekanntgabe der Web-Seite Filmdokumente-retten am 22. Februar dieses Jahres und der englischsprachigen Schwesterseite Save-German-Film-Documents am 13./14. April sind Rückmeldungen und Kommentare nicht nur aus der Fachwelt bei mir eingegangen. Bemerkenswert erscheint mir dabei zunächst, dass einige der engagiertesten Kommentatoren den Filmerbe-Institutionen weitgehend fernstehen, dafür aber zum Beispiel im Bereich Denkmalschutz tätig sind – so etwa Christian Jonathal vom Hochbauamt der Stadt Augsburg, der mir in einer Email schrieb:

„Stellen Sie sich einmal vor: Papyri sind brandgefährlich. Deswegen digitalisiert man sie, um mit ihnen zu arbeiten, aber auch um sie (=ihre Inhalte) bequem lagern zu können. Die Originale würden dann aber vernichtet, da sie ja eine Brandlast bilden könnte (der man aber mit geeigneter Lagerung auch aus dem Wege gehen kann). Bei einem solchen Vergleich wird augenscheinlich, wie frevelhaft die Zerstörung historischen (Bewegt-)Bildmaterials ist.“

Die zweite bemerkenswerte Tatsache ist die, dass mich die emotionaleren und deutlicheren Kommentare zur Filmvernichtung nicht aus der deutschen, sondern aus der internationalen Fachöffentlichkeit erreichten. „German film heritage deserves something better than copy and burn” / „Das deutsche Filmerbe verdient etwas Besseres als kopiert und verbrannt zu werden“, erklärte Paul C. Spehr, ehemals Assistant Chief der Motion Picture, Broadcasting, and Recorded Sound Division der Library of Congress in Washington D.C. auf der Website der Association of Moving Image Archivists (AMIA). Am gleichen Ort betonte Ron Merk von der Metro Theatre Center Foundation seine Auffassung: „To toss nitrate film onto the fire of history is a mistake. I think we’ve seen more than enough of that in Germany in the last century. Just citing history here. I’m not saying this to offend or upset our German colleagues in the archive world, but to remind them that what happened in the past should not be repeated.“ („Es ist ein Fehler, Nitrofilme ins Feuer der Geschichte zu werfen. Ich denke, das wir davon mehr als genug im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts gesehen haben und zitiere hier nur die Geschichte. Ich sage das nicht, um unsere deutschen Kollegen zu verärgern oder zu beleidigen, sondern um sie daran zu erinnern, dass die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen.“)
In einer Email-Korrespondenz mit mir ergänzte Merk, seine Äußerungen klängen ggf. „a bit inflammatory to some Germans“ („einigen Deutschen gegenüber etwas aufrührerisch“). Er unterstrich jedoch, die Filmvernichtung in Deutschland wäre „no less an outrage than the famous Nazi book burnings, although for totally different reasons.” („kein geringerer Skandal als die berühmte Nazi-Bücherverbrennung, wenn auch die Gründe ganz andere sind“)

Empört äußerte sich auch der australische Sammler und Fachpublizist William Gillespie, der mit seinen Veröffentlichungen zum NS-Regisseur Karl Ritter einer breiteren Leserschaft bekannt geworden ist: „The destruction and permanent loss of NS original prints of such historically important films as Die große Liebe or Stukas, is unforgivable. As a researcher and author on NS films and directors, I wonder if the ‘threat’ of spontaneous combustion … is a way for the BA to conveniently put such troublesome Tendenzfilme down the proverbial ‘Memory Hole’ as articulated by George Orwell in his novel, 1984?
(„Unverzeihlich ist die Vernichtung und der endgültige Verlust originaler Kopien solch historisch bedeutender Filme wie Die große Liebe oder Stukas. Als Forscher und Autor zum NS-Film und seinen Regisseuren, frage ich mich, ob die ‚Gefahr‘ der Selbstentzündung … für das Bundesarchiv auch eine Option ist, problematische Tendenzfilme im sprichwörtlichen ‚Gedächtnisloch‘ verschwinden zu lassen, das George Orwell in 1984 beschrieben hat?“)

Ebenso wie der Filmkünstler Bill Morrison (Decasia, USA 2002), erteilten mir auch Paul Spehr, Ron Merk und William Gillespie die Erlaubnis, ihre Kommentare auf meiner Website zu veröffentlichen. Ich habe die ungekürzten Texte in einer eigenen Rubrik unter dem Titel „Kommentare“ eingestellt. Dort finden sich auch Kommentare des Farbfilm- und Fotospezialisten Gert Koshofer, der die Bundesarchiv-Praxis mit „dem Abriss historischer Bauwerke“ vergleicht, und von Filmerbe-in-Gefahr-Initiator Helmut Herbst, der daran erinnert: „Man wird auch nicht die Mona Lisa vernichten, nur weil es gute Kopien davon gibt, sondern man wird immer wieder auf das Original zurückkommen.

Aus der Fachwelt erreichte mich zuletzt noch eine Kritik, nach der meine Darstellung sich einseitig auf das Bundesarchiv konzentriere (hier fiel der Begriff „bad guy“). In Wirklichkeit würden den anderen Institutionen des Kinematheksverbundes (KV) durch das Bundesarchiv Listen der zur Vernichtung vorgesehenen Titel vorgelegt. Die anderen Institutionen (etwa die DEFA-Stiftung oder die Stiftung Deutsche Kinemathek) hätten auf dieser Grundlage ein Einspruchsrecht, von dem sie indes selten Gebrauch machten. – Zwar trifft es zu, dass Institutionen des KV durch das Bundesarchiv Listen von Materialien aus ihrem Rechtebestand erhalten und die Möglichkeit haben, gegen deren geplante Vernichtung zu protestieren. In persönlichen Gesprächen wurde mir aber zum einen zu verstehen gegeben, dass dieser Einspruchsmöglichkeit enge Grenzen gesetzt sind. Zum anderen betrifft diese Regelung nur Filme, deren Rechte nicht durch den Bund wahrgenommen werden. Bei der großen Gruppe dieser Filme existiert kein solches Einspruchsrecht, und es gibt nicht einmal eine begrenzte institutionelle Kontrolle darüber, was vernichtet wird.

18.05.2016 – “Call for Support” auf der Nitrate Picture Show

Nitrate Picture Show 2016

Vom 29. April bis 1. Mai fand im Dryden Theatre in Rochester im US-Bundesstaat New York die zweite Nitrate Picture Show statt, bei der – in Deutschland undenkbar – Nitrofilmkopien gezeigt und damit für die interessierte Öffentlichkeit erlebbar gemacht wurden, u.a. David Leans Blithe Spirit (UK 1945) und Vittorio De Sicas Ladri di Biciclette (IT 1948). Im Rahmen der Veranstaltung hielt Wolfgang Klaue, langjähriger Leiter des Staatlichen Filmarchivs der DDR (SFA) und ehemals Präsident des internationalen Filmarchiv-Zusammenschlusses FIAF, einen Vortrag über den Umgang mit Nitrofilmen im SFA. Klaue verlas bei dieser Gelegenheit außerdem den untenstehenden „Call for Support“ meiner Initiative und bezog gegen die Nitrofilmvernichtung durch das Bundesarchiv Stellung. Über die Reaktionen berichtete Klaue: „Daß sich zersetztender Nitrofilm in Deutschland bei +6° C selbst entzünden kann, hat nur ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst.
Der „Call for Support“ wurde anlässlich der Bekanntmachung der englischsprachigen Schwesterseite von Filmdokumente-retten, Save-German-Film-Documents.org, an Vertreter der internationalen Fachöffentlichkeit und internationale Institutionen verschickt, so an die Fédération Internationale des Archives du Film (FIAF), die Association des Cinémathèques Européennes (ACE), die Association of Moving Image Archivists (AMIA) und das Visual Center von Yad Vashem.

Dieser Aufruf hatte den folgenden Wortlaut:

Please help to stop the German Federal Archives from destroying their nitrate film holdings.

To whom it may concern

Saving the original film artifact is and should always be a primary objective of film preservation – a principle that is nowadays also applied to nitrate film. Most film archives have long since abandoned the previously wide-spread copy-and-destroy-practice (“nitrate won’t wait”), and an international consensus has emerged to preserve nitrocellulose holdings for the long term.

Unfortunately, this reversal in archival practice has not been implemented in Germany. The German Bundesarchiv (Federal Archives) which holds by far the biggest and most important part of German film heritage, conducts a rigid destruction policy, systematically discarding original film artifacts after (selective) copying. Since the German Reunification and the merging of both German state film archives in 1990, more than half of the nitrate holdings have been destroyed. Out of 140.000 reels, less than 70.000 still remain.

Beginning in 2016, instead of preserving film as physical film copies, the Bundesarchiv will only digitize nitrate film artifacts before disposing them. With the authentic film elements gone, this exclusively digital archival strategy poses a new, and as yet incalculable risk for passing the cinematographic heritage on to future generations.

In light of this dire situation, this message is a call for your support. Please help to spread the word as widely as possible and use your influence in order to stop the Bundesarchiv’s film destruction policy before the remaining artifacts are gone as well.

For further information, visit my website Save-German-Film-Documents.org.

Kind regards,
Dirk Alt

01.05.2016 – FDP-Landtagsabgeordnete NRW beklagen die Vernichtung von Nitrofilmen.

In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Landtagsabgeordneten Ingola Schmitz und Thomas Nückel hat sich die Landesregierung Nordrhein-Westfalen zu ihrer Strategie „bei der Erschließung, Bewahrung und Fortentwicklung des Filmerbes“ geäußert. Diese Anfrage vom 7. März 2016 kam zustande auf Betreiben von Gert Koshofer, Deutschlands wichtigstem Fachpublizisten auf dem Gebiet der Farbfotografie und des Farbfilms, und durch Vermittlung des Vorsitzenden der Bundes-FDP und der FDP-Landtagsfraktion NRW, Christian Lindner. In der Vorbemerkung der Kleinen Anfrage äußerten sich Schmitz und Nückel über die „vom Bundesarchiv verfolgte sogenannte Kassationspraxis, nach der insbesondere originale Filmmaterialien auf Nitrozellulose im Anschluss an die Digitalisierung vernichtet werden“. Diese Praxis sei „aus kulturpolitischer und wissenschaftlicher Sicht beklagenswert.“
In ihrer Antwort vom 13. April betont die Landesregierung NRW den „grundsätzlichen archivischen Anspruch, möglichst immer das Original zu erhalten“, knüpft diese Erhaltung aber an die „finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten der Träger“. „Vor allem bei Filmen von filmhistorischer Bedeutung oder dokumentarischem bzw. künstlerischem Wert“ sei „der Erhalt des Originals anzustreben“. „In allen anderen Fällen“, so die Einschränkung, müssten die Rahmenbedingungen, auch die Explosionsgefährlichkeit von Nitrofilmen, berücksichtigt werden.
Es ist bedauerlich, dass die Landesregierung NRW nicht zu einem eindeutigeren Urteil über die Filmvernichtung gekommen ist. Irreführend im Zusammenhang mit der Kassationspraxis ist der Verweis „auf das enorme Volumen des Filmerbes“ – denn das Volumen der noch vorhandenen Nitrofilme ist keineswegs „enorm“, und auch die in der Antwort offengelassene Frage, „ob die Magazine des Bundesarchivs es erlauben, große Mengen an Nitrofilmen langfristig zu lagern“, kann daher bejaht werden.

Die Antwort der Landesregierung NRW kann hier abgerufen werden.