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08.06.2016 – Hoffnungszeichen: Dr. Michael Hollmann in „Professional Production“

Professional Production 06 2016Für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Professional Production“  hat Sonja Schultz Interviews sowohl mit dem Präsidenten des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, als auch mit mir geführt. Eine Vorschau auf ihren Artikel ist hier zu finden.
In deutlichem Gegensatz zu seiner bisherigen Position kündigte Dr. Hollmann Sonja Schultz einen Richtungswechsel des Bundesarchivs im Umgang mit Nitrofilm an. Es finde zurzeit eine rechtliche Prüfung statt, „an der auch das BKM als Dienst- und Fachaufsicht des Bundesarchivs beteiligt ist.“ Das endgültige Ergebnis stünde zwar noch aus; er äußerte sich jedoch zuversichtlich, „dass die in Kürze zu erwartende juristische Bewertung der einschlägigen Normen und Vorschriften dem Bundesarchiv einen größeren Ermessensspielraum eröffnen wird.
Auf die Frage „Sie sind also nicht gezwungen, Nitromaterial zu vernichten?“ antwortete Dr. Hollmann: „Wahrscheinlich nicht in der absoluten Weise, in der wir die Vorschriften bislang ausgelegt haben. […] In jedem Fall aber sind Nitrofilme […] umgehend zu vernichten, wenn das Material sich in Zersetzung befindet. Es geht also um eine Risikoabschätzung hinsichtlich des von den Nitrofilmen ausgehenden Gefährdungspotenzials. Es versteht sich von selbst, dass dabei der Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs uneingeschränkt Vorrang einzuräumen ist. Und daher ist die Menge des explosiven Materials nach Möglichkeit zu reduzieren. Wir werden jedoch künftig vor einer Kassationsentscheidung den konkreten Erhaltungszustand eines Filmes stärker in unsere Entscheidungsfindung einbeziehen.
Den Vorwurf, das Bundesarchiv behandele das Filmerbe als „Sondermüll“, wies Dr. Hollmann bei dieser Gelegenheit unter Hervorhebung des Primats der Arbeitssicherheit zurück: „niemand kann uns guten Gewissens dafür kritisieren, dass wir die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesarchivs an die erste Stelle setzen.“
In den letzten fünf Jahren wäre „fast ausschließlich Film kassiert“ worden, „der verschimmelt oder in Zersetzung befindlich war. Oder bei dem es sich um unvollständige Filme und Dubletten gehandelt hat.“ Für die Zeit vor 1945 ginge die Kassation „eher in den Promill- oder Zehnpromillbereich. Stummfilme werden grundsätzlich aufgehoben und auch Wochenschauen, die zu unserem Rechtebestand gehören.
Zuletzt betonte Dr. Hollmann noch einmal: „Wir werden […] wahrscheinlich unseren bisherigen Standpunkt insoweit relativieren, dass wir archivwürdige Nitrofilme nach der Umkopierung nicht mehr sofort kassieren, sondern solange im Original aufbewahren werden, wie dies nach den Vorschriften des Sprengstoffrechts vertretbar ist.“

Die Äußerungen des Präsidenten des Bundesarchivs werfen eine Reihe von Fragen auf – vor allem die nach der tatsächlichen Gefährlichkeit der Nitrozellulose für Leib und Leben der Mitarbeiter des Bundesarchivs, aber auch die, inwieweit sich die Bagatellisierung der Kassationsentscheidungen der letzten fünf Jahre mit den Tatsachen deckt.
Zum jetzigen Zeitpunkt entscheidend ist jedoch das Hoffnungszeichen einer lange überfälligen Kehrtwende, mit der das Bundesarchiv den verspäteten Anschluss an die wichtigen internationalen Filmarchive vollziehen könnte. Es bleibt zu hoffen, dass in den Ankündigungen des Präsidenten der erste Schritt zu der von mir und vielen Kollegen gewünschten Zeitenwende in der Nitrofilm-Frage zu sehen ist.

Die Berichte, die mich hierüber bereits aus der Abteilung Filmarchiv erreichten, lassen dabei den Schluss zu, dass die zum Zeitpunkt des Interviews durchgeführte juristische Prüfung inzwischen zu einem günstigen Ergebnis gekommen ist. Nun steht zu wünschen, dass zeitnah eine offizielle Verlautbarung von Seiten des Bundesarchivs erfolgt, die Klarheit über den zukünftigen Umgang mit den Nitrofilmbeständen schafft.

Die untenstehenden Scans geben das Interview von Sonja Schultz mit Dr. Michael Hollmann wieder. Ihr und der Redaktion von „Professional Production“ danke ich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung. Die oben zitierten Textpassagen sind untenstehend rot markiert.

29.05.2016 – Nitrofilmvernichtung = Bücherverbrennung?

Seit der Bekanntgabe der Web-Seite Filmdokumente-retten am 22. Februar dieses Jahres und der englischsprachigen Schwesterseite Save-German-Film-Documents am 13./14. April sind Rückmeldungen und Kommentare nicht nur aus der Fachwelt bei mir eingegangen. Bemerkenswert erscheint mir dabei zunächst, dass einige der engagiertesten Kommentatoren den Filmerbe-Institutionen weitgehend fernstehen, dafür aber zum Beispiel im Bereich Denkmalschutz tätig sind – so etwa Christian Jonathal vom Hochbauamt der Stadt Augsburg, der mir in einer Email schrieb:

„Stellen Sie sich einmal vor: Papyri sind brandgefährlich. Deswegen digitalisiert man sie, um mit ihnen zu arbeiten, aber auch um sie (=ihre Inhalte) bequem lagern zu können. Die Originale würden dann aber vernichtet, da sie ja eine Brandlast bilden könnte (der man aber mit geeigneter Lagerung auch aus dem Wege gehen kann). Bei einem solchen Vergleich wird augenscheinlich, wie frevelhaft die Zerstörung historischen (Bewegt-)Bildmaterials ist.“

Die zweite bemerkenswerte Tatsache ist die, dass mich die emotionaleren und deutlicheren Kommentare zur Filmvernichtung nicht aus der deutschen, sondern aus der internationalen Fachöffentlichkeit erreichten. „German film heritage deserves something better than copy and burn” / „Das deutsche Filmerbe verdient etwas Besseres als kopiert und verbrannt zu werden“, erklärte Paul C. Spehr, ehemals Assistant Chief der Motion Picture, Broadcasting, and Recorded Sound Division der Library of Congress in Washington D.C. auf der Website der Association of Moving Image Archivists (AMIA). Am gleichen Ort betonte Ron Merk von der Metro Theatre Center Foundation seine Auffassung: „To toss nitrate film onto the fire of history is a mistake. I think we’ve seen more than enough of that in Germany in the last century. Just citing history here. I’m not saying this to offend or upset our German colleagues in the archive world, but to remind them that what happened in the past should not be repeated.“ („Es ist ein Fehler, Nitrofilme ins Feuer der Geschichte zu werfen. Ich denke, das wir davon mehr als genug im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts gesehen haben und zitiere hier nur die Geschichte. Ich sage das nicht, um unsere deutschen Kollegen zu verärgern oder zu beleidigen, sondern um sie daran zu erinnern, dass die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen.“)
In einer Email-Korrespondenz mit mir ergänzte Merk, seine Äußerungen klängen ggf. „a bit inflammatory to some Germans“ („einigen Deutschen gegenüber etwas aufrührerisch“). Er unterstrich jedoch, die Filmvernichtung in Deutschland wäre „no less an outrage than the famous Nazi book burnings, although for totally different reasons.” („kein geringerer Skandal als die berühmte Nazi-Bücherverbrennung, wenn auch die Gründe ganz andere sind“)

Empört äußerte sich auch der australische Sammler und Fachpublizist William Gillespie, der mit seinen Veröffentlichungen zum NS-Regisseur Karl Ritter einer breiteren Leserschaft bekannt geworden ist: „The destruction and permanent loss of NS original prints of such historically important films as Die große Liebe or Stukas, is unforgivable. As a researcher and author on NS films and directors, I wonder if the ‘threat’ of spontaneous combustion … is a way for the BA to conveniently put such troublesome Tendenzfilme down the proverbial ‘Memory Hole’ as articulated by George Orwell in his novel, 1984?
(„Unverzeihlich ist die Vernichtung und der endgültige Verlust originaler Kopien solch historisch bedeutender Filme wie Die große Liebe oder Stukas. Als Forscher und Autor zum NS-Film und seinen Regisseuren, frage ich mich, ob die ‚Gefahr‘ der Selbstentzündung … für das Bundesarchiv auch eine Option ist, problematische Tendenzfilme im sprichwörtlichen ‚Gedächtnisloch‘ verschwinden zu lassen, das George Orwell in 1984 beschrieben hat?“)

Ebenso wie der Filmkünstler Bill Morrison (Decasia, USA 2002), erteilten mir auch Paul Spehr, Ron Merk und William Gillespie die Erlaubnis, ihre Kommentare auf meiner Website zu veröffentlichen. Ich habe die ungekürzten Texte in einer eigenen Rubrik unter dem Titel „Kommentare“ eingestellt. Dort finden sich auch Kommentare des Farbfilm- und Fotospezialisten Gert Koshofer, der die Bundesarchiv-Praxis mit „dem Abriss historischer Bauwerke“ vergleicht, und von Filmerbe-in-Gefahr-Initiator Helmut Herbst, der daran erinnert: „Man wird auch nicht die Mona Lisa vernichten, nur weil es gute Kopien davon gibt, sondern man wird immer wieder auf das Original zurückkommen.

Aus der Fachwelt erreichte mich zuletzt noch eine Kritik, nach der meine Darstellung sich einseitig auf das Bundesarchiv konzentriere (hier fiel der Begriff „bad guy“). In Wirklichkeit würden den anderen Institutionen des Kinematheksverbundes (KV) durch das Bundesarchiv Listen der zur Vernichtung vorgesehenen Titel vorgelegt. Die anderen Institutionen (etwa die DEFA-Stiftung oder die Stiftung Deutsche Kinemathek) hätten auf dieser Grundlage ein Einspruchsrecht, von dem sie indes selten Gebrauch machten. – Zwar trifft es zu, dass Institutionen des KV durch das Bundesarchiv Listen von Materialien aus ihrem Rechtebestand erhalten und die Möglichkeit haben, gegen deren geplante Vernichtung zu protestieren. In persönlichen Gesprächen wurde mir aber zum einen zu verstehen gegeben, dass dieser Einspruchsmöglichkeit enge Grenzen gesetzt sind. Zum anderen betrifft diese Regelung nur Filme, deren Rechte nicht durch den Bund wahrgenommen werden. Bei der großen Gruppe dieser Filme existiert kein solches Einspruchsrecht, und es gibt nicht einmal eine begrenzte institutionelle Kontrolle darüber, was vernichtet wird.

18.05.2016 – “Call for Support” auf der Nitrate Picture Show

Nitrate Picture Show 2016

Vom 29. April bis 1. Mai fand im Dryden Theatre in Rochester im US-Bundesstaat New York die zweite Nitrate Picture Show statt, bei der – in Deutschland undenkbar – Nitrofilmkopien gezeigt und damit für die interessierte Öffentlichkeit erlebbar gemacht wurden, u.a. David Leans Blithe Spirit (UK 1945) und Vittorio De Sicas Ladri di Biciclette (IT 1948). Im Rahmen der Veranstaltung hielt Wolfgang Klaue, langjähriger Leiter des Staatlichen Filmarchivs der DDR (SFA) und ehemals Präsident des internationalen Filmarchiv-Zusammenschlusses FIAF, einen Vortrag über den Umgang mit Nitrofilmen im SFA. Klaue verlas bei dieser Gelegenheit außerdem den untenstehenden „Call for Support“ meiner Initiative und bezog gegen die Nitrofilmvernichtung durch das Bundesarchiv Stellung. Über die Reaktionen berichtete Klaue: „Daß sich zersetztender Nitrofilm in Deutschland bei +6° C selbst entzünden kann, hat nur ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst.
Der „Call for Support“ wurde anlässlich der Bekanntmachung der englischsprachigen Schwesterseite von Filmdokumente-retten, Save-German-Film-Documents.org, an Vertreter der internationalen Fachöffentlichkeit und internationale Institutionen verschickt, so an die Fédération Internationale des Archives du Film (FIAF), die Association des Cinémathèques Européennes (ACE), die Association of Moving Image Archivists (AMIA) und das Visual Center von Yad Vashem.

Dieser Aufruf hatte den folgenden Wortlaut:

Please help to stop the German Federal Archives from destroying their nitrate film holdings.

To whom it may concern

Saving the original film artifact is and should always be a primary objective of film preservation – a principle that is nowadays also applied to nitrate film. Most film archives have long since abandoned the previously wide-spread copy-and-destroy-practice (“nitrate won’t wait”), and an international consensus has emerged to preserve nitrocellulose holdings for the long term.

Unfortunately, this reversal in archival practice has not been implemented in Germany. The German Bundesarchiv (Federal Archives) which holds by far the biggest and most important part of German film heritage, conducts a rigid destruction policy, systematically discarding original film artifacts after (selective) copying. Since the German Reunification and the merging of both German state film archives in 1990, more than half of the nitrate holdings have been destroyed. Out of 140.000 reels, less than 70.000 still remain.

Beginning in 2016, instead of preserving film as physical film copies, the Bundesarchiv will only digitize nitrate film artifacts before disposing them. With the authentic film elements gone, this exclusively digital archival strategy poses a new, and as yet incalculable risk for passing the cinematographic heritage on to future generations.

In light of this dire situation, this message is a call for your support. Please help to spread the word as widely as possible and use your influence in order to stop the Bundesarchiv’s film destruction policy before the remaining artifacts are gone as well.

For further information, visit my website Save-German-Film-Documents.org.

Kind regards,
Dirk Alt

01.05.2016 – FDP-Landtagsabgeordnete NRW beklagen die Vernichtung von Nitrofilmen.

In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Landtagsabgeordneten Ingola Schmitz und Thomas Nückel hat sich die Landesregierung Nordrhein-Westfalen zu ihrer Strategie „bei der Erschließung, Bewahrung und Fortentwicklung des Filmerbes“ geäußert. Diese Anfrage vom 7. März 2016 kam zustande auf Betreiben von Gert Koshofer, Deutschlands wichtigstem Fachpublizisten auf dem Gebiet der Farbfotografie und des Farbfilms, und durch Vermittlung des Vorsitzenden der Bundes-FDP und der FDP-Landtagsfraktion NRW, Christian Lindner. In der Vorbemerkung der Kleinen Anfrage äußerten sich Schmitz und Nückel über die „vom Bundesarchiv verfolgte sogenannte Kassationspraxis, nach der insbesondere originale Filmmaterialien auf Nitrozellulose im Anschluss an die Digitalisierung vernichtet werden“. Diese Praxis sei „aus kulturpolitischer und wissenschaftlicher Sicht beklagenswert.“
In ihrer Antwort vom 13. April betont die Landesregierung NRW den „grundsätzlichen archivischen Anspruch, möglichst immer das Original zu erhalten“, knüpft diese Erhaltung aber an die „finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten der Träger“. „Vor allem bei Filmen von filmhistorischer Bedeutung oder dokumentarischem bzw. künstlerischem Wert“ sei „der Erhalt des Originals anzustreben“. „In allen anderen Fällen“, so die Einschränkung, müssten die Rahmenbedingungen, auch die Explosionsgefährlichkeit von Nitrofilmen, berücksichtigt werden.
Es ist bedauerlich, dass die Landesregierung NRW nicht zu einem eindeutigeren Urteil über die Filmvernichtung gekommen ist. Irreführend im Zusammenhang mit der Kassationspraxis ist der Verweis „auf das enorme Volumen des Filmerbes“ – denn das Volumen der noch vorhandenen Nitrofilme ist keineswegs „enorm“, und auch die in der Antwort offengelassene Frage, „ob die Magazine des Bundesarchivs es erlauben, große Mengen an Nitrofilmen langfristig zu lagern“, kann daher bejaht werden.

Die Antwort der Landesregierung NRW kann hier abgerufen werden.