Fakten und Falschbehauptungen

Um einen schnellen Überblick über die Sachlage zu ermöglichen, finden Sie an dieser Stelle die wichtigsten Fakten und die wichtigsten Falschbehauptungen zum Thema zusammengestellt.

Fakten:

  • Historische Filme mit einem Schichtträger aus Nitrozellulose (sogenannte Nitrofilme) sind chemisch instabil, leicht entzündlich und fallen unter das Sprengstoffgesetz der Bundesrepublik.
  • Das Bundesarchiv vernichtet (im Archivjargon: kassiert) systematisch originale Filmmaterialien auf Nitrozellulose. Diese Verfahrensweise wird als Kassationspraxis bezeichnet. Nur die als archivwürdig bewerteten Filme werden vor der Vernichtung umkopiert bzw. digitalisiert.
  • Nitrofilme sind besonders wertvoll, da sie den ältesten Teil des Filmerbes ausmachen und überwiegend aus den ersten fünf Jahrzehnten deutscher Filmgeschichte stammen (1895-1945). Sie bilden eine zentrale Epoche der deutschen Geschichte ab und sind damit unsere wichtigste filmische Primärquelle überhaupt.
  • Die verbleibenden Nitrofilme sind auch deswegen besonders wertvoll, weil es sich nur noch um Überreste handelt. Der Großteil der Überlieferung ist entweder als Kriegsfolge zerstört oder in den Jahrzehnten nach 1945, insbesondere nach 1990, sukzessive entsorgt worden.
  • Seit 1990, als im Zuge der Wiedervereinigung die beiden großen staatlichen Filmarchive in Deutschland zusammengeführt wurden, ist über die Hälfte des damaligen Gesamtbestandes vernichtet wurden. Von damals 140.000 Rollen Nitrofilmen sind heute nur noch unter 70.000 vorhanden.
  • Bis in die 1980er Jahre hinein war es international durchaus gängige Praxis, Nitrofilme umzukopieren und anschließend zu entsorgen. In den 90er Jahren hat jedoch eine archivfachliche Neubewertung dieser Frage stattgefunden und zu einer Kehrtwende geführt, die fast alle bedeutenden Filmarchive der westlichen Welt inzwischen vollzogen haben: dauerhafte Aufbewahrung statt Vernichtung der filmischen Originale. Im Gegensatz etwa zu den Filmarchiven Österreichs, Frankreichs, Großbritanniens, Schwedens und Dänemarks hält das Bundesarchiv an einer obsoleten Archivpraxis fest, die zunehmend Unverständnis hervorruft und von der FIAF (dem internationalen Zusammenschluss der Filmarchive) geächtet wird. Somit fügt die Kassationspraxis auch der kulturpolitischen Außenwirkung der Bundesrepublik Schaden zu.

 

Falschbehauptungen:

Das Bundesarchiv ist durch das Sprengstoffgesetz zur Vernichtung von Nitrofilmen gezwungen und hat in dieser Frage keinen Handlungsspielraum.

Ausweislich eines juristischen Gutachtens von Prof. Dr. Winfried Bullinger enthält das Sprengstoffgesetz kein Vernichtungsgebot. Von einer gesetzlichen Verpflichtung, der das Bundesarchiv unterworfen ist, kann daher nicht die Rede sein.
Mit der Filmvernichtung unterwirft sich das Bundesarchiv hingegen einer behördlichen Auflage des Amtes für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik in Frankfurt (Oder), das für das Nitrofilmlager in Hoppegarten nur eine befristete Nutzungsgenehmigung erteilt hat – unter der Prämisse, dass die Bestände langfristig abgebaut werden. Der Standort Hoppegarten war zuvor (2004) mit einem Investitionsvolumen von 11 Mio. Euro als Dauerlager für die gesamtdeutschen Nitrofilmbestände errichtet worden.

Nitrofilme entzünden sich selbst! Sie stellen ein unkalkulierbares Brandrisiko dar.

In der Forschungsliteratur ist kein Fall dokumentiert, in dem sich Nitrofilme ohne äußere Wärmezufuhr entzündet haben. So lag der Nitrofilmexplosion im Bundesarchivstandort Koblenz-Ehrenbreitstein im Jahr 1988 eine defekte Abtauheizung zugrunde, die die betroffene Lagerkammer über einen längeren Zeitraum kontinuierlich aufheizte, bis es zum Brand kam. Unter den sachgemäß klimatisierten Bedingungen, wie sie im 2004 eingerichteten Nitrofilm-Lager des Bundesarchivs in Berlin-Hoppegarten gegeben sind, geht von der Lagerung der Nitrozellulose keine Gefahr aus.
Nitrofilme sind schützenswerte Kulturgüter – keine Brandlast.

Nitrofilme zersetzen sich doch sowieso!

Wie jeder Dokumententräger unterliegt auch Filmmaterial unumkehrbaren Alterungsprozessen. Bei Nitrozellulose kommt ein unberechenbares Zersetzungsverhalten hinzu, das, einmal in Gang gesetzt, innerhalb kurzer Zeit zum vollkommenen Verlust des Films führen kann und zudem, durch die Freisetzungen nitroser Gase, die Feuergefährlichkeit des Materials erhöht. Dieses Zersetzungsverhalten ist aber maßgeblich von der Herstellungsgüte des Films und dessen Lagerung abhängig: Einwandfrei produzierten und gelagerten Nitrofilmen haben eine Lebenserwartung von bis zu 300 Jahren. Auch haben sie sich als beständiger erwiesen als die von ihnen hergestellten Kopien auf (nicht-brandgefährlichem) Sicherheitsfilm (Zelluloseazetat).
In der Fachliteratur mehren sich die Stimmen, statt der Gefahren der Nitrozellulose auch ihre Vorzüge zu berücksichtigen, einschließlich ihrer besonderen visuellen Qualität, die nicht mit anderen Materialien reproduziert werden kann.

Vor der Vernichtung wird doch alles gesichert.

Das trifft nicht zu, es werden immer nur ausgewählte Materialien gesichert. Diese Auswahl wird von Archivmitarbeitern getroffen, die in dem Bewusstsein handeln, dass einerseits die Kopierkapazitäten und Geldmittel des Bundesarchivs begrenzt sind und andererseits das verbliebene Nitromaterial „bearbeitet“, d.h. erschlossen, bewertet und zur Vernichtung freigegeben werden soll. In der Vergangenheit sind daher auch Unikate ohne vorherige Sicherung vernichtet worden.

Vor der Vernichtung wird doch digitalisiert.

Siehe oben. Mit Beginn des Jahres 2016 setzt das Bundesarchiv statt der bislang üblichen optischen Kopierung auf archivfesten Polyesterfilm auf die Digitalisierung als ausschließliche Archivstrategie. Zwar erlaubt die Digitalisierung einen breiteren Zugang zu historischem Filmmaterial; sie stellt zugleich jedoch ein weiteres, bislang völlig unkalkulierbares Überlieferungsrisiko dar, denn es bestehen noch keine Langzeitmodelle zur Speicherung digitaler Daten, die extrem pflegebedürftig, hochmanipulierbar und durch die Obsoleszenz (Veraltung von Dateiformaten) bedroht sind.
Vor dem Hintergrund einer rein digitalen „Sicherungsstrategie“ ist der Erhalt der filmischen Originale erst recht unerlässlich.

Filme sind als Informationsträger doch anachronistisch.

Niemand kann derzeit sagen, was von der Informationsflut des digitalen Zeitalters bleiben wird und ob sich die Negativprophezeiungen vom „digitalen Alzheimer“ oder „digitalen Mittelalters“ erfüllen werden. Man sollte aber bedenken, dass ein Film auch in einer Welt ohne Projektoren und Sichtungsgeräte noch vorhanden und potentiell reproduzierbar ist. Durch die Digitalisierung wird Film unsichtbar – verlieren wir den Schlüssel (Code), ist er für uns auf ewig verloren. Zudem ist Filmmaterial – gleich ob Nitrozellulose, Azetat oder Polyester – haltbarer als alle bislang verfügbaren digitalen Speichermedien.
Die Annahme, man könne mittels Digitalisierung die Probleme der physischen Welt lösen, ist genauso irrig wie das Kalkül, hierdurch Kosten zu sparen.